Islamische Theologie


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03. September 2012 : Alevitentum in Deutschland - Geschichte erforschen, Gegenwart gestalten

Die internationale Fachtagung „Alevitentum in Deutschland – Geschichte erforschen, Gegenwart gestalten“ fand vom 3. bis 4. September 2012 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin statt und wurde vom Zentrum für Interkulturelle Islamstudien (ZIIS) der Universität Osnabrück in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) organisiert. Die Fachkonferenz wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Das Hauptanliegen der Tagung war, eine Brücke von religionshistorischen Fragestellungen bis zu den aktuellen Entwicklungen alevitischen Lebens in Deutschland zu schlagen. Bei der Eröffnung hob Dr. Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, hervor, dass es auch 50 Jahre nach Beginn der Arbeitsmigration an „Wissen voneinander und Verständnis füreinander“ mangele. Der KAS-Vorsitzende bekräftigte, dass sich das vornehmlich mündlich tradierte Alevitentum der Herausforderung seiner wissenschaftlichen Untersuchung gegenüberstehe und dass es mit seiner Geschichte und Lehre zukünftig an deutschen Universitäten wissenschaftlich fundiert gelehrt werden solle.

In einer kritischen Bestandsaufnahme ging Professor Bülent Uçar auf die Anfeindungen und Vorurteile gegenüber Aleviten ein. Er verwies in seiner Darstellung der Entstehung des Alevitentums im 16. Jahrhundert auf die kizilbas, die in einem schiitischen Umfeld unter den Turkmenen in Erscheinung getreten seien. Gegenwärtig müssten in Bezug auf das Alevitentum „regional bedingte Binnendifferenzierungen“ berücksichtigt, nicht generalisierende Betrachtungsweisen eingenommen werden. Professor Uçar sprach sich ausdrücklich dafür aus, dass in einem Vorreiterland wie Deutschland auch eine alevitische Theologie an den Universitäten beheimatet sein müsse.

In seiner Eröffnungsrede betonte der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Dr. Ole Schröder, dass es von elementarer Bedeutung sei, das Verfassungsrecht und religiöse Überzeugungen zu leben und sich offen dazu zu bekennen. Religionen und Weltanschauungen würden auf der Grundlage der religionsneutralen Verfassung sogar dazu eingeladen, öffentlich präsent zu sein. Ein Musterbeispiel dafür sei der konfessionsgebundene Religionsunterricht.

An einer Podiumsdiskussion zum alevitischen Leben in Deutschland nahmen der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. (AABF), Ali Dogan, die Doktorandin Aynur Küçük (ZIIS, Universität Osnabrück) und der Sprecher des Arbeitskreises „Christlich-Alevitischer Freundeskreis der CDU“ (CAF), Ali Yildiz, teil. Die Moderation hatte die Professorin Havva Engin von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. In der ersten Hälfte des Gesprächs definierten die jungen alevitischen Teilnehmenden ihre religiöse Zugehörigkeit und erklärten, welche Ansichten sie in Bezug auf den alevitischen Glauben vertreten. Ali Yildiz beschrieb das Alevitentum in Abgrenzung zum Islam. Es sei keine Offenbarungsreligion und habe keine Schöpfungsgeschichte, sondern stehe im Hinblick auf die innere Einstellung und die Nächstenliebe auf der gleichen Stufe wie das Christentum. Ali Dogan skizzierte das Alevitentum als pluralistisch und progressiv und wies dem Wissen und den Glaubensgrundsätzen des Alevitentums einen hohen Stellenwert zu. Im Mittelpunkt des zweiten Teils der Podiumsdiskussion standen Themen wie islamzentrierte und islamferne Selbstdefinitionen, innerreligiöser Dialog und Anwerbungstendenzen gegenüber alevitischen Jugendlichen, die von islamischer Seite ausgeübt würden. Ali Dogan zufolge mangele es dem Dialog mit den Sunniten an einem fruchtbaren Austausch, was nicht zu korrigieren sei, bevor es eine Aufklärungs- und Erinnerungskultur gebe, um die „pogromartigen“ Anschläge auf Aleviten in der Türkei aufzuarbeiten.

Am zweiten Tag der Fachtagung wurden unter der Leitung von Prof. Bülent Uçar drei Vorträge gehalten, in denen die Wurzeln des Alevitentums aus historischer und religionswissenschaftlicher Perspektive gedeutet wurden. Zunächst sprach Assistenzprofessor Murat Sülün von der Marmara Universität in Istanbul über „Die ahl al-bayt in der Koranexegese und im Hadith“. Er konzentrierte sich vor dem Hintergrund der Pençe-i ali aba [1] auf die kontextuelle Aufschlüsselung des in Koran 33/33 aufgeführten Verses, worin er keinen direkten Bezug zur sogenannten Hand der Fatima, die die ahl al-bayt symbolisieren soll, erkannte. An ausgewählten koranischen Beispielen stellte er die Verankerung der ahl al-bayt im Koran vor, die seitens vieler Sunniten zu wenig beachtet würde. Sülün zufolge sei das Alevitentum keine Religion und keine Rechtsschule, sondern vielmehr eine sufische Richtung, die in ihrem Tenor und ihrer Materie dem Islam zugehörig sei.

Assistenzprofessor Hüseyin Özcan konzentrierte sich in seinem Vortrag zum Thema „Haci Bektas Veli als Gründungsfigur?“ auf die Nachteile der oralen Tradierung alevitischer Lehren und auf Haci Bektas Veli als deren tragende Figur. Seiner Auffassung nach stellten die schriftlich verfassten Lehren von Haci Bektas Veli für das heutige Alevitentum einen verwendbaren Textkorpus dar. Auch Özcan ordnete das Alevitentum dem Sufismus zu.

Im Anschluss präsentierte Assistenzprofessor Riza Yildirim von der TOBB-Universität Ankara eine historische Retrospektive über das „Verhältnis der Aleviten und Safawiden“. Seiner Darstellung nach existieren heute innerhalb der alevitischen Gemeinschaft grundsätzliche und noch nicht gelöste Terminologie-Probleme. Dabei ginge es häufig um die Frage, was das Alevitentum sei. Deshalb sollten bekennende, in der alevitischen Kultur verwurzelte Wissenschaftler die quellenbezogenen theologischen Feinheiten des Alevitentums selbst- und nicht fremdbestimmt wissenschaftlich fundiert herausarbeiten und zeitgemäß in den heutigen Kontext übertragen. Yildirim zufolge seien die Safawiden aus den kizilbas hervorgegangen und nicht umgekehrt. Während der Regierungszeit der Safawiden seien wichtige Fundamente der alevitischen Schrifttheologie gelegt worden, darunter die sogenannte Eposliteratur (Destan), die rituellen Gedichtbücher (Buyruk) und die Maktel-i Hüseyin, Schriften, die Hüseyins Tod behandeln. Im Anschluss an die Vorträge kritisierten einige Aleviten in einer teilweise emotional geführten Diskussion die Referate von Sülün und Özcan als zu sehr sunnitisch geprägt.

Das folgende Panel hatte die „Alevitische Identität heute“ zum Gegenstand. Senol Kaluç von der Istanbuler „Gesellschaft für Liberales Denken“ bezeichnete das Verbot des Bektasi-Ordens im Jahre 1826 als historische Zäsur. Nach dem Verbot hätten dessen Mitglieder bei den Aleviten Zuflucht gefunden, was zu Grenzverwischungen und Zwietracht zwischen beiden Fraktionen geführt habe. Kaluçnannte drei Gründe, warum das Alevitentum einer Entfremdungspolitik unterworfen sei: Erstens die schlechten Bildungsvoraussetzungen, zweitens die Urbanisierung, wodurch alevitische Werte und Rituale im Stadtleben nicht aufrechterhalten werden konnten, und drittens die Assimilationspolitik der Osmanen und der Türkei. Das Alevitentum gehöre eindeutig zum Islam; sein Gründer sei nicht Haci Bektas Veli, sondern es gehe auf drei Urväter zurück: Ahmet Yesevi, Seyh Vefa und Seyh Safi. Die Aleviten hätten sich von ihren Ursprüngen entfernt und müssten sich auf den Kerninhalt ihrer Glaubensüberzeugungen zurückbesinnen.

Assistenzprofessor Mehmet Balkanlioglu beschäftigte sich in seinem Vortrag „Alevitisch-sunnitische Ehen als Wandlungspotenzial für beide Seiten“ mit qualitativ-empirischen Erhebungen mit zehn Ehepaaren. Die individuelle Religiosität der Ehepartner habe während der Ehe weiterhin Bestand gehabt. Die Eltern wiederum seien mit dem heterogenen Eheschluss nicht durchgehend einverstanden oder zufrieden gewesen, was nicht selten auf deren traditionsbezogene Wahrnehmungsmuster zurückgehe. Latente Vorurteile, die er während seiner Erhebung auf beiden Seiten festgestellt habe, seien ausschließlich durch das Kennenlernen der jeweils anderen Überzeugung zu beseitigen.

In der letzten Phase der Tagung stand das Thema „Alevitentum und Integration in Deutschland und der Türkei“ im Mittelpunkt. Dr. Andreas Gorzewski beschrieb zum Thema „Divergierende alevitische Selbstdarstellungen im deutschen und türkischen Kontext“ das Spannungsverhältnis zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung hinsichtlich des Alevitentums. In alevitischen Eigenwahrnehmungen werde das Alevitentum unter anderem als Rechtsschule (mezhep) oder als mystische Strömung des Islams gesehen. Daneben seien auch Selbstdefinitionen als „wahrer Islam“, als Synkretismus, als ursprünglich kurdische Tradition oder als eher religionsferne Weltanschauung verbreitet. Gorzewski zufolge berge diese Vielfalt jedoch die Gefahr einer dauerhaften Spaltung. Die Fremdwahrnehmung des Alevitentums in der Türkei werde vor allem durch die Religionsbehörde Diyanet bestimmt, die das Alevitentum im Islam verorte, was jedoch nicht mit der Wahrnehmung vieler Aleviten korrespondiere. Dadurch entstehe ein Ringen um Vertretungsansprüche und Deutungshoheiten, das in der Türkei andauere. In Deutschland sei dieses Ringen durch die Anerkennung der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) als Religionsgemeinschaft in einigen Bundesländern jedoch weitgehend beendet worden.

Der Bildungsreferent der Alevitischen Gemeinde in Deutschland e.V. (AABF), Ismail Kaplan, verwies auf das Alevitische Manifest von 1989 als Wendepunkt für die alevitische Bewegung. In dem Manifest sei die Notwendigkeit einer Weitergabe der alevitischen Identität an die nachfolgenden Generationen sowie der Förderung des Dialogs mit dem Sunnitentum und mit anderen Religionen betont worden. Der alevitische Religionsunterricht, der seit 2002 in mehreren Bundesländern eingeführt worden ist, sei dem Bildungsreferenten zufolge im Januar 2012 von insgesamt 1.065 Schülern in 93 Lerngruppen besucht worden. Der alevitische Religionsunterricht sei dem Grundgesetz entsprechend ein konfessionsgebundenes Fach, das neben der mündlichen Tradition Wert auf die schriftlichen Überlieferungen, wie die Buyruk-Schriften, lege. Kaplan zufolge fördere der Werte orientierte alevitische Religionsunterricht neben Respekt und Toleranz auch die Aufrechterhaltung und Kenntnis von klassisch-alevitischen Ritualen.

Der ehemalige Vorsitzende der Alevi-Bektasi-Federasyonu, Turan Eser, kritisierte die offizielle Haltung gegenüber dem Alevitentum in der Türkei, in der Religions- und Gewissensfreiheit eingeschränkt seien. Eser zufolge habe sich der Staat zwar möglicherweise in seiner Politik geändert, jedoch nicht in seiner Ideologie, die Eser als eine Ausläuferin der gegen die Aleviten ausgerichteten osmanischen Politik betrachtet. Seiner Auffassung nach oktroyiere die türkische Religionsbehörde dem Volk einen sunnitischen Staatsislam auf. Es dürfe nicht sein, dass mit den Steuergeldern von Nicht-Muslimen in der Türkei islamische Imame und Literatur finanziert würden. Die türkische Politik müsse den Laizismus anwenden, den sie nach außen hin zu verfolgen beanspruche.

In der anschließenden Diskussion wurde hinsichtlich der Konzeption der Tagung konstruktive Kritik geübt. Die Situation in Deutschland und wissenschaftliche Stimmen von alevitischer Seite seien zu kurz gekommen, hieß es. In seiner positiven Bilanz zur Tagung betonte Dr. Michael Borchard, Leiter der Hauptabteilung Politik und Beratung der KAS, abschließend, dass die Mehrheitsgesellschaft und die Minderheiten leider noch zu wenig voneinander wüssten. Die Tagung habe gezeigt, wie vielfältig der Zugang zu Definitionen, Selbstverortungen und Selbstbestimmungen des Alevitentums sein könne. Anhand der Vorträge sei auch deutlich geworden, dass die alevitische Quellenforschung noch ausbaufähig sei.

Tagungsprogramm hier

(Tagungsbericht von Davut Tekin, M.A., und Dr. Andreas Gorzewski)

Copyright Bilder: KAS

[1] Im islamischen Volksglauben auch bekannt als „Hand der Fatima“, die die fünf wichtigen Hauptfiguren der ahl al-bayt symbolisiert: den Propheten Muhammad, seinen Schwiegersohn Ali, Fatima, die Tochter des Propheten bzw. die Ehefrau von Ali und ihre beiden Söhne Hasan und Hüseyin.